Mahmud Abbas und das Wort Holocaust

Die Pressekonferenz von Bundeskanzler Scholz und „Palästinenserpräsident“ Abbas bei einem Besuch von Abbas in Berlin schlägt sowohl in Deutschland als auch in Israel immer höhere Wellen. Die Empörung in den „Qualitätsmedien“ und bei deutschen System-Politikern ist wieder einmal groß. Der Bundeskanzler hätte Abbas „klar und deutlich widersprechen und ihn bitten müssen, das Haus zu verlassen“, so etwa CDU-Chef Merz. Was führt denn nun zu dieser Welle der Empörung?

Abbas wurde auf der Pressekonferenz von einem Journalisten gefragt, ob er sich für das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 bei Israel entschuldigen werde. Darauf entgegnete Abbas: „Israel hat seit 1947 bis zum heutigen Tag 50 Massaker in 50 palästinensischen Orten begangen.“ Und dann fügte er hinzu: „50 Massaker, 50 Holocausts.“ An der Verwendung des letzten Worts entzündet sich die Empörung, da dieser Begriff allein für den Massenmord an die Juden in der Nazizeit reserviert sein und damit die Einmaligkeit dieses Verbrechens verdeutlicht werden soll.

Doch der Begriff „Holocaust“ hat sich als Bezeichnung für die „Shoah“ erst seit der Fernsehserie „Holocaust“ in den 1970er Jahren durchgesetzt. Das Wort „Holocaust“ entstammt dem griechischen Partizip ὁλόκαυστος (holókaustos), was „vollständig verbrannt“ bedeutet und seit ca. 2500 Jahren bekannt ist. Seit dem 12. Jahrhundert bezeichnete man mit holocaustum den Feuertod vieler Menschen. Ab 1895 wurden Massaker an den Armeniern von englischsprachigen Autoren als „holocaust“ bezeichnet (vgl. auch Wikipedia „Holocaust Begriff“). Genau in diesem Sinn hat Abbas den Begriff auch verwendet, was er mit seinem Satz auch deutlich machte, d.h. er bezeichnete „Massaker“ als „Holocaust“. Wer will ihn dazu verpflichten, eine Definition des Begriff zu übernehmen, die im Westen aufgrund einer Fernsehserie eingeführt wurde?

Bundeskanzler Scholz twitterte am Mittwoch: „Ich verurteile jeden Versuch, die Verbrechen des Holocaust zu leugnen.“ Als ob Abbas das getan hätte! Man könnte Abbas mangelnde Sensibilität vorwerfen, doch seine Absicht und Kernaussage kann nicht bestritten werden, nämlich dass Israel seit 1947 zahlreiche Massaker an Palästinensern verübt hat.

Der eigentliche Skandal aber ist, dass mit all dem Geschrei über die Verwendung des Begriffs „Holocaust“ (v.a. auch in Israel) diese Tatsache vernebelt werden soll. Es ist auch ein Skandal, dass in Deutschland offenbar kaum jemand etwas über die Nakba weiß – erst dann könnte man über die Schoah und die Nakba reden und eventuell (ohne sofortigen Aufschrei) vergleichen.

Und weil deutsche Journalisten (wie die meisten Glotzengucker hierzulande) zwar viel über das Olympia-Attentat von 1972 wissen, aber nichts über das Massaker von Deir Yasin, können sie so dumme Fragen auf einer Pressekonferenz stellen. Würde es denn ein deutscher Journalist wagen, den israelischen Ministerpräsidenten während einer Pressekonferenz zu fragen, ob er sich für das Massaker von Deir Yasin entschuldigen werde?

Foto: ParsToday

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