Der Geburtstag von Imam al-Mahdi (aj) ist für Millionen von Muslimen – insbesondere für Schiiten – kein gewöhnlicher Gedenktag. Er ist ein Tag der Hoffnung, des Kraftschöpfens und des Gottesvertrauens. Seine Existenz ist für viele zugleich historisch verankert, theologisch zentral und spirituell herausfordernd ist.

Imam al-Mahdi (aj) ist nach schiitischer Überzeugung der zwölfte Imam, der al-Qāʾim (der sich gegen die Ungerechtigkeit Erhebende), dessen Erscheinen mit Gerechtigkeit nach einer Zeit globaler Unterdrückung verbunden ist.

Nach schiitischen Quellen wurde Imam al-Mahdi (aj) im Jahr 255 n. H. (869 n. Chr.) in Samarra geboren, als Sohn von Imam Hasan al-Askari (a) und dessen Frau Narjis. Seine Geburt geschah unter außergewöhnlichen Umständen, geprägt von Geheimhaltung und Vorsicht. Die abbassidischen Machthaber suchten gezielt nach dem erwarteten Mahdi, um ihn zu töten, denn sein Erscheinen würde in ihrem Verständnis das Ende ihrer Regentschaft bedeuten. Schon diese Umstände zeigen, dass seine Existenz von Beginn an politische und religiöse Sprengkraft besaß.

Ein zentrales Element der schiitischen Glaubenslehre ist die Verborgenheit (Ghayba) des Imams. Sayyid Muhammad Baqir al-Sadr erläutert, dass diese Verborgenheit keine Abwesenheit im absoluten Sinn ist, sondern eine Form göttlicher Bewahrung. Die lange Lebensdauer des Imams wird dabei nicht als biologisch widersprüchlich verstanden, sondern als göttliche Möglichkeit, vergleichbar mit den langen Lebensspannen früherer Propheten wie Nuh (Noah), dessen Lebensdauer der Koran mit über 950 Jahren erwähnt. Aus schiitischer Sicht ist die Verlängerung seines Lebens kein Wunder ohne Sinn, sondern eine notwendige Voraussetzung für seine weltweite Aufgabe.

Warum aber diese lange Wartezeit? Die Quellen betonen, dass Imam al-Mahdi (aj) nicht nur ein politischer Führer ist, sondern ein göttlich vorbereiteter Welterneuerer. Seine Abwesenheit dient der Reifung der Menschheit, der Prüfung des Glaubens und der klaren Trennung zwischen bloßer Hoffnung auf der einen Seite und verantwortungsvollem Handeln auf der anderen. Sayyid Muhammad Baqir al-Sadr weist darauf hin, dass die Gesellschaft erst die Bedingungen entwickeln muss, um echte Gerechtigkeit tragen zu können. So lange diese Bedingung nicht erfüllt ist, kehrt der Mahdi nicht zurück.

Der Geburtstag von Imam al-Mahdi (aj) ist daher mehr als eine Erinnerung an eine Geburt unter wundersamen Umständen. Er ist ein Aufruf zur Selbstprüfung, zur ethischen Verantwortung und zur Anstrengung in der Selbsterziehung. In einer Welt voller Ungerechtigkeit bleibt seine Verborgenheit kein Zeichen der Abwesenheit, sondern ein stilles Versprechen: Gerechtigkeit ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Mit dieser Hoffnung feiern Millionen Schiiten in der Welt den Geburtstag ihres Imams, der sich derzeit noch in der Verborgenheit befindet. Sie fragen sich bis wann noch und ob die derzeitige Ungerechtigkeit und Tyrannei in der Welt nicht ausreichend sei für seine Rückkehr. Ungerechtigkeit mag eine Bedingung für seine Rückkehr sein, eine weitere wartet allerdings, wie bereits erwähnt, im Spiegel jedes Einzelnen.

Sind es wirklich die Schiiten, die auf ihn warten oder ist er es, der in Wahrheit auf sie wartet?