Braucht der Mensch die Religion?

Nach den im Westen dominierenden Vorstellungen ist mit der Aufklärung der Weg ins lichte Reich der Vernunft beschritten worden. Für den Klassiker der deutschen Soziologie Max Weber (1864-1920) gibt es jedoch so etwas wie eine „Nachtseite der Vernunft“. D. h. mit einer immer größeren Rationalität droht ihm zufolge der Umschlag in den Irrationalismus. Wie ist dieses Paradoxon zu verstehen? Nach Weber hat der sinnhaft handelnde Mensch auch ein Bedürfnis nach Sinn und somit nach Religion.

Wenn der Mensch sich seines Verstandes bedient, versucht er sein (ihr) Leben zu planen und zu organisieren. Er (bzw. sie) versucht seinen Tagesablauf möglichst rational zu gestalten, plant seine Karriere, seine Zukunft mit allen möglichen Versicherungen, d.h. so rational wie möglich, um den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Er (Sie) steht aber vor einem großen Problem, das seine (ihre) Vernunft nicht lösen kann: Die Gewissheit des Todes. Und der Tod droht jeden Sinn zu entwerten, d.h. er macht alles vernünftige Planen und Handeln letztlich sinnlos. Nur die Religion vermag dieses Dilemma letztlich zu lösen – sinnhaft zu Handeln und dem Leben und Handeln letztlich einen Sinn zu verleihen. Wenn aber die Religion schwindet, begibt sich der Mensch auf die Suche nach Ersatz. Dieser Ersatz ist offen für irrationale politische Ideologien. Weber hat übrigens auch die „Jagd nach dem Erlebnis“ oder die Suche nach dem ultimativen letzten „Kick“ vorhergesehen – in einer säkularisierten, „entzauberten“ Welt, in der die Menschen ihrem Handeln verzweifelt irgendeinen Sinn abgewinnen wollen.

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